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28.06.2010
Olaf Zimmermann: Wie der Humboldtsche Geist durchs rekonstruierte Schloss wehen soll

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Das Schlimmste an der Krise des politischen Systems, die wir in diesen Tagen miterleben müssen, ist die Visionslosigkeit. Die Kanzlerin, sichtbar von dem Rücktritt von Bundespräsident Köhler gezeichnet, gibt freimütig zu Protokoll, dass sie immer gerade das abarbeite, was auf ihrem Schreibtisch lande. Große Ziele scheinen der Republik abhanden gekommen sein. Selbst der Mindestkonsens, den unsere Gesellschaft viele Jahrzehnte einte, ein besseres Leben für Alle erreichen zu wollen, scheint nach den einseitigen Sparvorschlägen in Frage gestellt zu sein.
 
Kann dann wenigstens eine sinnstiftende visionäre Kulturpolitik in dieser Krise geben? Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse nannte den im Rahmen der Sparbeschlüsse verschobenen Wiederaufbau des Preußischen Stadtschlosses in Berlin, „das größte und spannendste Kulturprojekt in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland – die Vollendung der Humboldtschen Idee: der Dialog zwischen Europa und den Weltkulturen in der Mitte Berlins“. Wenn Wolfgang Thierse recht haben sollte, könnte dieses Projekt zur Sinnstiftung beitragen. Aber warum ist der Funke für diese Idee bislang nicht übergesprungen, warum lehnt die Bevölkerung den Wiederaufbau des Stadtschlosses in Berlin mit überwältigender Mehrheit ab, warum wird jetzt noch nicht einmal in den Feuilletons eine angeregte Debatte über die inhaltliche Füllung des Stadtschlosses geführt? Die Vorsitzende des Kulturausschusses des Deutschen Bundestages, Monika Grütters, sprach im Zusammenhang mit der Verschiebung des Baubeginns des Stadtschlosses vom „Fluch der Fassade“. Und hier liegt vielleicht das Problem, die Diskussionen werden von der Gestaltung der Fassade mehr bestimmt, als von der Frage was soll in dem Gebäude stattfinden. Beton ersetzt, auch in der Bundeskulturpolitik, seit Jahren oftmals den Diskurs.
 
Vollkommen abgemeldet sind in diesem Zusammenhang die Künstler. Sie sind eigentlich die geborenen Visionäre und Sinnstifter. Es stimmt, sie werden auch nicht gefragt. Doch wo steht geschrieben, dass Künstler sich erst dann einmischen dürfen, wenn sie von der Obrigkeit dazu aufgefordert werden?
 
Das Humboldtforum, so wird der Inhalt des zukünftigen Berliner Stadtschlosses genannt, zeigt die Sprachlosigkeit auch des Kulturbereiches in der Krise auf. Wenn der Humboldtsche Geist wirklich einmal durch das rekonstruierte Schloss wehen soll, muss vorher die Sinnfrage in einer öffentlichen Debatte beantwortet werden. Bislang bestimmt aber nicht der Geist Humboldts, sondern der Preußens auf der Schlossbaustelle in der Mitte von Berlin und verhindert eine öffentliche Debatte.
 
Der Autor Herausgeber von politik und kultur und Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates
 
Editorial aus politik und kultur, Juli/August 2010
 

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